Alle Mann... online!

Aktualisiert: Mai 24


In diesen Tagen erleben wir eine digitale Gesinnungs-Wende. Ganz gleich wie unsere persönliche Einstellung dazu früher war,- also vor ein paar Tagen- jetzt hat die digitale Welt uns eingeholt. Home Office. Webinare. Digitaler Vorverkauf von Take Away Food. Weinprobe online (echt, jetzt?) und mehr denn je sprechen wir online miteinander. Nicht zuletzt, weil viele von uns, viele unserer Freunde unter Quarantäne stehen. Dass wir keine Ausgangssperre haben, liegt auch daran, dass wir uns als Kollektiv gut in die Situation eingefühlt haben.


Ich finde überhaupt die Kreativität, die die Menschen gerade jetzt zeigen, sehr motivierend. Kleine und Solo Unternehmer finden neue Wege zu ihren Kunden und große Unternehmen versuchen, eine Kommunikation unter den Home Offices zu etablieren. Wir Einzelkämpfer versuchen den Unterschied von Home Office und Home Vacation zu lernen. Es entstehen neue Formen der Verbindung, neue Knotenpunkte, neue Lebensstile.


Natürlich trifft es auch die heilenden und beratenden Berufe. In Chile habe ich schon vor einigen Jahren gesehen, dass Patienten per Online Session diagnostiziert wurden. Unsere Ärzte, unsere Schulen hinkten hinterher, aber das erfährt ja in diesen Tagen eine derartige Beschleunigung, es ist berauschend.

Plötzlich geht´s ja doch!


Die Frage "geht Coaching auch online? " ist mir nicht neu. Jetzt, angesichts Corona, steht das Thema wieder ganz oben auf der Frageliste. Meine überzeugte Antwort: ja!

Die Frage ist, wie.


Für viele stellen sich jetzt enorme technische Fragen und hohe Lernanforderungen. Das Ganze sieht einfacher aus als es in Wirklichkeit ist. Aber all das lässt sich schnell erlernen und auch umsetzen.

Wenn wir im ersten Schritt noch über die Gestaltung virtueller Räume nachdenken, betrifft das Hintergründe, Dekorationen im Bild und möglicherweise unsere Logo-Einbindung. Wir denken über Make up und über die Farbigkeit unserer Kleidung nach.


Es gibt Menschen, die hängen bei der Online Arbeit in ihrem Fernsehsofa, sie schaukeln in Hängematten, sie hocken am Küchentisch (vor dem dringend zu erledigenden Abwasch) oder sie sitzen in einem von Papieren überquellenden Heimbüro. Auch wenn wir diese Online Arbeit nur deshalb machen, weil der Corona Virus uns zuhause hält, sollten wir versuchen, einen wertneutralen, professionellen Raum zu schaffen.

Das wäre jedenfalls mein Rat.


Ich arbeite (immer schon) sehr gerne online und habe lange damit herumexperimentiert. Ich habe meinen Praxisraum als Kulisse ausprobiert, aber das hat für mich energetisch nicht gestimmt. Präsenzarbeit ist eben etwas anderes. Und irgendwie finde ich, dass der Ort der persönlichen Begegnung vorbehalten bleibt.

Dann habe ich zuhause nach einem passenden Ort gesucht. Barhocker oder Stuhl am Tisch? Mit Gartenblick oder perspektivische Durchsicht durch die Wohnung? Direkt vor der Wand? Mit Bildern oder ohne? Pflanzen? Was ist mit Licht? Reicht das Tageslicht auch bei schlechtem Wetter? All das sind die Grundelemente der visuellen Gestaltung.

Unterschätzt es nicht, aber es lässt sich lösen.


Wie alles, will diese Form der Kommunikation geübt sein. Flattern zu anfangs unsere Augen noch nervös durch den Raum oder sind wir noch sehr beschäftigt mit dem eignen Bildnis (sitzt die Frisur?), kann diese Wahrnehmung verschwinden, sobald wir künstlerische und technische Sicherheit gewonnen haben. Die gibt´s allerdings nicht umsonst. Man sollte unbedingt einige Trockenübungen gemacht haben, um sich innerhalb dieser neuen Parameter wohlzufühlen.


Denn darum wird es gehen: um eine sichere Ausstrahlung, um Gelassenheit und Verbindlichkeit. Äußere Störfaktoren müssen - wie beim Meditieren ja auch - ausgeschlossen werden. Es sollten weder das Handy noch der Postbote dazwischen-klingeln. Weder die Kinder noch der Hund laufen durch den Bildhintergrund. Das Gegenüber erwartet einen geschützten Raum, wie er es von der persönlichen Begegnung kennt. Wenn du neben einer Feuerwehr Station wohnst, sag es deinem Klienten gleich zu Anfang, dann stört es ihn nicht in seinem inneren Raum. Er bezieht es einfach mit ein.


Und nun zum Wesentlichen, der Gestaltung des inneren Raums.


Die Phase des Beziehungsaufbaus braucht vor allem bei Online-Neulingen etwas länger als in einer persönlichen Sitzung. Häufig befindet der Klient sich nicht in seinem normalen Lebensraum- er ist vielleicht auf Geschäftsreise im In- oder Ausland. Es ist wichtig, ihn da abzuholen, wo er gerade ist. Ich hatte schon Anrufe aus idyllischen Urlaubsorten, wenn plötzlich und unerwartet Probleme auftraten. Dieser besonderen Situation muss dann Aufmerksamkeit gewährt werden. Sie ist ein wichtiger Teil des Ganzen.

Ich hatte schon Anrufe von einer Parkbank, nachdem im Büro kurz zuvor ein unschöner Streit ausgebrochen war.

Da Online Sitzungen schnell und unkompliziert vereinbar sind, manchmal sogar aus dem Affekt heraus angefragt werden, ist man bei Gesprächsanfang oft sehr nah am Thema. Es ist dann besonders wichtig, eine angemessenen Distanz zwischen dem Klienten und seinem Thema herzustellen- Freiraum, wie wir es im Focusing nennen.


Ganz gleich von wo der Klient sich meldet, es wird sich schnell zeigen, dass alles technische Drumherum sehr schnell in den Hintergrund rückt und wir ganz direkt miteinander sein können. Es ist für beide Seiten wichtig, genügend Zeit bereitzustellen, damit man sich in ein und denselben emotionalen Raum einarbeiten kann.


Dieser emotionale Raum entwickelt sich in der gemeinsamen Gestaltung des virtuellen Raums. Man hat irgendwann die Umgebung des anderen erfasst, hat sich an den Klang der Mikrofonstimme gewöhnt und beruhigt sich in die Begegnung hinein.

Um auch das energetische Feld für beide freizuschalten, ist es für mich immer sehr hilfreich, wenn ich eine kurze Atemübung oder ein kleine Raumvisualisierung anbiete. Damit erweitert sich die Wahrnehmung weit über den technischen Zusammenhang hinaus und beide Gesprächsteilnehmer haben die Möglichkeit, auch den Fühlraum des Gegenübers wahrzunehmen und kreativ zu nutzen.


Wenn sich die Beziehung in dieser Form entfaltet hat, unterscheidet sie sich kaum von der Begegnung in einem physischen Raum. Für mich als Focusing Coach steht jetzt meine achtsame Bereitschaft im Vordergrund, mich auf den Klienten einzulassen .


In einer Online Situation überprüfe ich mich selbst noch genauer. Ich mache mir sehr bewusst, ob ich dem Klienten wirklich zuhöre, oder ob meine Gedanken versehentlich weggerutscht sind. Vielleicht weil gerade das letzte Hunkemöller Angebot über den Screen gehuscht ist ... Ich sage so etwas dann. Und schalte solche Benachrichtigungen schnell noch ab.


So, hier bin ich. Ich bin für dich da!


Klienten, die bereits online mit mir gearbeitet haben, greifen gerne darauf zurück. Sie müssen keine langen Anfahrtswege oder Parkplatzsuchen in Kauf nehmen. Die Termine sind oft schneller verfügbar und auch zu ungewöhnlicheren Zeiten. Ich zeige mich hier sehr flexibel.

Obwohl ich meistens vor der Kamera nur einen halben Menschen sehe, kann ich dennoch die Körpersprache sehr gut nachvollziehen. Selbst das Wippen mit den nicht sichtbaren Füssen vermittelt sich im Bewegungsfluss. Ich kann Handbewegungen, Abwehrbewegungen, Erleichterung und Freude sehr gut erkennen und in den Prozess einbeziehen.


Hin und wieder pressiert ein Thema so sehr, dass ich sozusagen aus "laufendem Betrieb" angerufen werde. Von einem Parkplatz beispielsweise. Solche Sitzungen bezeichne ich als Erste Hilfe. Sie sind meistens nur ein paar Minuten lang und helfen dem Klienten, in den normalen Lebensfluss zurückzufinden. Das tiefere, dahinterliegende Thema bearbeiten wir dann gezielt, mit etwas Abstand, in einer Sitzung nach.


Es gibt Klienten, die die Kommunikationstechnik einfach ablehnen. Sie wollen nicht online sein.

Es macht keinen Sinn, sie zu überzeugen. In einer solchen Beziehungssituation würde zu viel Wertvolles an die Technik verloren gehen. Dann bietet das Telefon eine großartige Alternative.

Auch hier gilt, dass man einen Augenblick länger braucht, um sich aneinander zu gewöhnen.

Ich mache Telefontermine allerdings nur, wenn wir uns zu irgendeinem Zeitpunkt schon einmal persönlich gesehen haben. Im Praxisraum oder online. Beides fällt für mich unter persönliche Begegnung.


Wir, lieber Leser, sind uns heute auf der Wortebene begegnet, die ich auch besonders schätze. Auch die Sprache hat ihre eigene Bewegung und ihren eigenen Fluss. Ich hoffe, ich konnte ein Stück weit mitnehmen!


Ich bedanke mich für eure Lesezeit und freue mich, wie immer, über eure Kontaktaufnahme, über Kommentare und Hinweise.


herzliche Grüße,

Birgit




















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