Auf großer Fahrt

Aktualisiert: Juli 10

Eine neue Kolumne aus "Mein Gorilla will das nicht"


Ich habe den Autoschlüssel endlich gefunden, tief, wirklich tief unten in der Tasche der Unendlichkeit. Ist eh nur noch der Ersatzschlüssel, den Knipsschlüssel habe ich schon vor Jahren verloren. Ich stehe also an der Fahrertür und stecke meinen echten Schlüssel in mein echtes Türschloss, da kommt der Gorilla und drängt mich zur Seite.

Bevor ich was sagen kann, sitzt er auf dem Fahrersitz und hält mir freundlich die Beifahrertür auf. Ich sehe ihn von der Seite an, "du hast doch gar keinen Führerschein!"

Er lacht. Dreht den Schlüssel um und stocht rückwärts aus der Parklücke. Ohne zu gucken, versteht sich. Meine Halsschlagader tanzt Tango. Bevor ich was sagen kann, hat er den vierten Gang eingelegt und hüpft vorwärts. Das Getriebe knarzt. Bevor ich etwas sagen kann, hält er mir einen Vortrag über die Vorteile eines automatischen Getriebes, besser noch: Radantrieb. E- Technologie. Hört man auch nicht. Sagt er. Ich sehe im Rückspiegel die Frau mit dem kleinen Hund, den er beim Raussetzen auch nicht gehört hat. Mensch, ich kann mich hier nie wieder blicken lassen.

Der Gorilla macht das Autoradio an und jauchzt vor Freude auf, als er auf meine CD mit Dschungel-Mediation stößt. Er klatscht in die ledrigen Hände und seufzt, "das waren noch Zeiten!" Ich frage ihn hoffnungsvoll, ob ich ihn zurückschicken soll. Er sieht mich entgeistert an, "Wohin denn?" Auch wieder wahr. Alles Soja.

Jetzt fährt er falsch rum in den Kreisverkehr, weicht gerade noch einem knallroten Laster mit der Aufschrift "10% billiger" aus und kommentiert, "75% schneller". Er sieht nicht ein, dass er einen Dreiviertel Kreis Umweg fahren soll.

Ich ziehe meine Bestechungs-Chiquita aus der Tasche, halte sie ihm hin. Er grabscht, ich ziehe schnell zurück. Nur... wenn ich weiterfahren darf. Das hat schon mal nicht geklappt.


Auf der Autobahnbrücke beschleunigt der Gorilla, "was ist denn das da hinten für ein Schlagbaum?..." Mir wird schlecht. Ehemaliger Militärflughafen, weiß ich denn, ob die noch vermint sind. Der Gorilla denkt langsam, aber rechtzeitig.

In letzter Sekunde reißt er das Steuer rum, mein Kleiner ist für so was einfach nicht konstruiert, wir schlittern in die 90 Grad Kurve. Geradeaus. Kein Verkehr. Jesses.

Auf der Höhe einer kleinen Backstein-Hütte bremst der Gorilla plötzlich. Jetzt erst sehe ich den Polizisten. Nein, es ist ein holländischer Grenzbeamter. Ein sehr freundliches Wesen, ich versuche mich zu entspannen. Der Gorilla steigt aus, der Beamte ist unbeeindruckt. Auf der Fensterbank des ehemaligen Grenzübergangs steht eine Riesenpackung Muckipillen. Erkennt man am Bild. Der Gorilla schlendert hin, lacht sich kaputt. Der Beamte fragt weiterhin unbeeindruckt, wo wir denn hinwollen. "Verkehrsübungsplatz," sagt der Gorilla, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.

"Und warum müssen Sie dazu die Grenze überqueren, gibt´s bei euch keine Übungsplätze?" Der Gorilla beugt sich vor und tuschelt dem Mann was ins Ohr. Der Beate räuspert sich, ich muss sagen, die sind echt gut geschult, ich hätte ihm Handschellen angelegt und habe ehrlich gesagt auch gehofft, dass er es tun würde. Aber nein! "Fahrzeugschein und Führerschein bitte", lächelt der Mann der Grenze.

Der Gorilla nickt in meine Richtung. Ich zücke, was ich habe. Sogar den TÜV Test. Der Beamte nickt, winkt uns durch.

Bevor ich was sagen, schleudert der Gorilla einen U-turn und rast- fröhlich winkend- wieder am Zollhaus vorbei.


Zurück zur Autobahn.

"Sag mal..." aber bevor ich was sagen kann, legt der Gorilla seine Pranke auf mein Knie. Was? Wo hat er das denn gelernt? Ob ich wisse, was ein Autobahnflirt sei. Ich fasse es nicht. Während er mir von mindestens drei Leuten erzählt, die sich so kennengelernt haben. "Ich zeig´s dir," sagt er und schießt nach rechts, Vollbremsung vor einem bulgarischen Laster, der wahrscheinlich überladen ist. Der Laster hupt, quietscht und bremst. Der Fahrer schreit in Zungen. Der Gorilla winkt lasziv aus dem Fenster. Der Laster zieht auf die Kriechspur, der ist für heute aus dem Rennen. "Siehste? Gleich holt er auf und dann geht´s ab!" triumphiert der Gorilla, "er findet mich mega!" Ich schau wieder in den Rückspiegel und sehe, wie sich der Fahrer ins Gebüsch übergibt. Mensch...

Außer uns ist keiner auf der Bahn. Ich entspanne mich und fange ein Gespräch an. Ich muss den Wahnsinnigen irgendwie ablenken und zur Vernunft bringen.

"Ich unterscheide mich in Fahr- und Führstil in nichts von all den anderen hier !" Was soll ich sagen. wenn er recht hat, hat er recht.

Trotz mittlerweile geraumer Geschwindigkeit holt ein Blinkender auf. Der Gorilla verlangsamt. Ich rutsche in den Fußraum. Das war auch gut so, mein Auto hat Geräusche gemacht, die habe ich noch nie gehört, aber es fährt noch. Ich tauche wieder auf und sehe im Rückspiegel einen qualmenden Wagen. "Was hast du gemacht!" frage ich panisch. "Iiiiich...?", fragt er verblüfft, "was alle anderen auch machen! Ausgebremst hab ich den Affen!"


"Achtzig!!" schreie ich und zeige auf das Baustellenschild. Er zuckt mit den Schultern. Als er sieht, dass ich den Tränen nahe bin, geht er vom Gas und fährt auf der rechten Spur sechzig. Die LKW fast auf unserer Stoßstange. "Besser so?" fragt er mich mitleidig und sehe in meinem Rückspiegel eine blaue Lackwand mit einem Namensschild, PJOTR. Dann quietschts´, klappert´s und hupt´s.

"Ich sag´s ja, wenn du nicht rechtzeitig vom Acker bist, machen die dich platt!"

"Er transportiert Gefahrengut!!!" schreie ich.

"Naja", sagt der Gorilla und schielt zu mir rüber.


Anderer Ansatz. "Wo fahren wir eigentlich hin?" Könnte ja sein, dass wir bald schon da sind. Er sieht mich verblüfft an. "Du bist doch zum Auto gegangen und wolltest los. Wohin denn?"

Das spielt jetzt keine Rolle mehr. Ich schiele auf das heranrasende blaue Schild und lese das erstbeste Wort. "Schiefbahn". Was weiß ich, was in diesem Riesenhirn für Prozesse ablaufen, wenn er Schiefbahn hört, aber es dauert. Wir sind schon fast an der Ausfahrt vorbei, da fällt der Groschen. Er reißt das Steuer nach rechts- 90° aus voller Geschwindigkeit haben wir ja jetzt schon geübt und- er bremst. Neben uns eine teure Karosse, der Fahrer schreit zur Röte. Der Gorilla zieht glatt, kurbelt das Fenster runter. Der Mann wechselt von tiefrot auf bleichweiß.

Der Gorilla kann ja auch anders und flötet, "entschuldigen Sie bitte, wieso heißt denn dieses Kaff Schiefbahn? Kann man hier irgendwo fahren üben?"


Den sind wir los, aber da bahnt sich die nächste Krise an. Trecker auf schmaler Straße. Langsam, sehr, sehr langsam. "Halt mal" sagt er, meint das Steuer und schwingt sich aus dem fahrenden Fahrzeug auf den Berg Heuballen vor uns. Er balanciert elegant zum Fahrerhaus vor und hangelt sich ab. Ich schließe die Augen. Irgendwann ist´s halt zu Ende, denke ich resigniert. Ich hätte die Scheißpatientenverfügung ausfüllen sollen.

Aber ganz anders. Der junge Bauer hat alle Folgen von Mad Max gesehen und ist völlig aus dem Häuschen. Seine Stunde ist gekommen. Er high-fived den Gorilla und sie sind sofort dicke Freunde.


Ich rase um das Fahrzeug und besetze den Fahrersitz. Er kann machen was er will. Jetzt fahre ich.

Mir fällt nicht alles sofort wieder ein, ich stehe gewissermaßen unter Schock. Schlüssel umdrehen. Meditations CD lauter... Fehler!!!

Da kommt er angehoppelt, winkt den Bauer Goodbye, will mich vom Sitz schieben, sieht mir aber sofort an, das wird nicht klappen.


"Ich-will-nach-hause, Schnauze Krause", schreie ich ihn an. Er ist beeindruckt. Verschränkt die Hände hinterm Kopf, "welcher Blödmann hat dir denn die CD verkauft?

"Wieso!!!" fauche ich. "Der hat jedenfalls noch keinen Dschungel aus der Nähe gesehen." Er lacht sich schlapp. Ich werde schneller, merke es nicht.


Die blöde Säule blinkt rot auf. Er klatscht sich auf die Schenkel, "den Lappen bist du los!" "Wegen dir," schrei ich, "nur wegen dir!!!!!"

Er denkt nach, wahrscheinlich ernsthaft, aber was dabei rauskommt ist das: "Ist dir schon mal aufgefallen, dass Frauen immer aggressiver Auto fahren? Ich meine, schlimmer als Männer. Wenn du in den Rückspiegel guckst und sich ein Irrer nähert, kannste Gift darauf nehmen, es ist eine Frau am Steuer. Wie kommt das? Ich meine früher war das doch nicht so..."


Ich werfe ihm den Schlüssel in den Schoß. Geh zu Fuß.

13 Kilometer.



Gute Fahrt allseits!

Bis bald!




29 Ansichten1 Kommentar
  • Schwarz Instagram Icon
  • Schwarz Facebook Icon
  • Schwarz Pinterest Icon

© 2023 by Design for Life.

Proudly created with Wix.com