Der nackte Philosoph

Aktualisiert: Mai 24


Es war ja ganz harmlos. SIE versucht sich für eine Online Session bereitzumachen. Sch... Internet geht nicht in ihrer Wohnung. Schnell rübergelaufen zu einem Freund. Der, der am nächsten wohnt. Super aufgeräumte Wohnung. Bücher bis zur Decke und nach Größe sortiert. SIE schaut unsicher in die Kamera, ist ja noch früh. SIE denkt sie sei die Erste. Aber ich - ich bin auch schon da.

Und ich erlebe eine schöne live performance:


SIE setzt sich. Stuhl, nein. Tischkante, nein. Boden, Yogasitz, Knie platt am Boden, gebongt. Das wird gehen. Pulliärmel hochgestuppst, nein doch nicht, wird sofort wieder glattgestrichen.

SIE betrachtet sich, wischt die Mundwinkel aus. Nimmt mich nicht wahr. Ich SIE schon. Ich rufe sie beim Namen, ich will ja nicht unhöflich sein oder stalken. Aber sie hört mich nicht. Sieht mich nicht. Komisch.

Aber dieser Tage wird so viel rumgefummelt mit Kameras, Mikros, Verbindungen, man weiß es eben einfach nicht. Klappt´s oder klappt´s nicht.


Jetzt kommt´s. Plötzlich kriecht ein minimal bekleideter Mann durch den Hintergrund. Super body. Braungebrannt. Junge Glatze. Cool. Er robbt immer wieder hin und her, die Kamera wackelt mal, es knackt mal in der Leitung. Aber sie hören und sehen nichts. Mich jedenfalls nicht. Müsste ich jetzt aufstehen und weggehen? Ich denke gar nicht dran!


Jetzt kommt er ganz nah. Sixpack Bauch. Calvin Klein am Bildrand. Er kommt noch näher, wooow, ich kann die Sterne in seinen Pupillen sehen. Er sieht natürlich nicht zufrieden aus. Im Hintergrund zieht SIE den Pullover über den Kopf, wirft ihn beiseite. Hellgraues tanktop, passend zu Calvin Klein. Sie versucht links und rechts an ihm vorbeizuschauen, was sieht sie denn bloß, reflektiert sie im Monitor?


ER taucht noch mal ab, Rücken, die andere Seite von Calvin Klein. Muckibude, schon klar. Er bittet SIE, zur Seite zu gehen, was sie nur ungern macht, denn sie sitzt doch schon in Position. Sie rollt mit übereinander geschlagenen Knien aus dem Bild. Position wird gehalten. Jetzt ER: Vollbild. Tatsächlich, kein Tattoo. Gibt´s doch nicht. Nicht mal einen Babydrachen. Er greift mit beiden Armen ums Bild, wuhuuuu und zieht mich nach vorne. Junge! Und schon ist er wieder weg.


Ich bestaune die Bücher. Ich hab auch ziemlich viele, aber noch nie, noch nie haben die so perfekt in Reihe gestanden. Naja, einige liegen, aber selbst das auf Lücke. Perfekt. Ich will mich vorbeugen um zu sehen, was ER so liest, aber keine Chance, weil ich soeben wieder zurückgeruckelt werde.


SIE hat sich in der Zwischenzeit für eine Bluse entschieden. Er ist weg. Ich winke, Ich rufe. Ins Leere. Sie sieht sich um. Sie kann die Buchtitel lesen und tut´s auch. Dann wird leicht umgeräumt, der Sortierschlüssel erschließt sich mir nicht. ER hat mich leider zu weit weggeschoben. Ach so, nach Farbe. ER erscheint. Findet das kein bisschen komisch. Stellt zurück was wo hingehört. Eine wütende Wulst auf der Stirn. Macht sich aber auch gut.


SIE steht auf, barfuss aus dem Bild. Kommt sehr bald zurück, jetzt doch wieder im Pulli. Sie hat eine Haarspange beigeschafft. Sie hantiert damit. Wilder Look, nein! Strenger Look, auch nicht! Spange kann weg. ER hutscht wieder durch den Hintergrund, auf Knien, Calvin Klein nicht rutschfest über der Rundung. Kein Gramm zu viel irgendwo. Ich muss abnehmen!


Und plötzlich geht der Ton. Sie streiten. Er hatte ihr versprochen, dass alles klappen würde. Er ist genervt, soll sie doch in ihrer Wohnung bleiben. Sie stößt an den Laptop, der perfekte Bildausschnitt gewährt ungewollte Einblicke. Das Regal ist schmal. Sehr schmal. Dahinter eine Papierwüste auf einem Schreibtisch. Ich grinse. Kenn ich.


Jetzt schalten sich weitere Teilnehmer zu, Gelächter. Die beiden streiten immer noch. ER kriecht immer noch nackt durchs Bild, Calvin Klein sieht man gerade nicht. Dann plötzlich steht die Technik. SIE hört uns und wir hören SIE. Sie sieht uns, wir sehen SIE. Sie hat den Pullover wieder übergezogen, sitzt wieder einigermaßen symmetrisch im Schneidersitz. Den Zenith auf jeden Fall überschritten, das sah vorher besser aus.

"Sind das viele Bücher!" kommentiert ein Neuzugang.

"Ja, schon", sagt sie. Ich grinse in mich hinein. Auf jeden Fall keine Fototapete, das nicht.

"Sind das alles deine?", man traut ihr das offensichtlich nicht zu. Sie haben ja auch die Begrenzung nicht mitgekriegt.

"Nein, die gehören meinen Freund."

"Echt jetzt?" Sieht doch eher aus, wie ein Personal Trainer, der Bursche.

"Ja, er ist Philosoph."

"Im Ernst?" glaubt man ihr auch nicht.

"Ja, schon!" sagt sie und ich beschließe, es zu glauben, weil man sich so was einfach nicht ausdenkt.


Ich denke darüber nach, wie leicht es ist, sich im Netz eine neue Identität zuzulegen. Ich überlege, ob ich das gut finde und beschließe: auf jeden Fall. Man kann ja endlich mal experimentieren, ohne dass man gleich auf eine Rolle festgenagelt wird. Das Set mit den Büchern war auf jeden Fall klasse.

"Was ist schon real?" frage ich mich und lächele in mich hinein. Ich hatte jedenfalls gerade 5 Minuten Spaß, war irgendwie dabei, irgendwie nur, aber besser als gar nicht. Ich habe viele Möglichkeiten gesehen und meine Herz hat sich erweicht. Ich fand die beiden sehr rührend, sehr menschlich und - irgendwie sehr bei sich. Das ist doch schon mal was!















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