Mein Brief an Corona

Aktualisiert: Mai 24



Ich bin nicht selber auf die Idee gekommen, einen Brief an Corona zu schreiben. Leider.

Mir hat gestern eine Freundin aus Kalifornien einen love letter to Corona weitergeleitet.


Komisch, dass er zu mir durchgedrungen ist, denn ich habe mich in den letzten Tagen massiv gegen Corona Witze, Sprüche, gegen pillepalle Videos und aggressive Meinungen gewehrt. Aber dieser Brief hat mich irgendwie nicht mehr losgelassen und ich verarbeite ihn hier auf meine Weise. Ich danke dem anonymem Ursprungsautor und wünsche mir, dass er mich irgendwie hört.


In Anbetracht der Schwere der Epidemie distanziere ich mich- mit größtem Mitgefühl mit den Opfern und ihren Angehörigen- von dem Begriff love letter und schreibe dem Virus stattdessen einen normalen Brief. Dieser Brief kann uns vielleicht helfen, die vielen chaotischen Dinge, die uns gerade überrollen, mit größerer Distanz zu betrachten und die Möglichkeit zu erkennen, dass in einer so heftigen Bewegung auch etwas Gutes stecken muss. Das Gute darin zu finden und mit euch zu teilen-- das ist mein Herzenswunsch und der Inhalt dieses Briefes.



Lieber Corona (ist er männlich?), liebes Corona,

Während die Welt vor Schreck wie versteinert ist, und chaotisch darauf reagiert, was du uns möglicherweise noch alles bringen könntest, möchte ich dir sagen, dass wir auch die positiven Aspekte wahrnehmen. Wir sind im Moment noch überwältigt von der Heftigkeit, von der Plötzlichkeit und von unserer eigenen Machtlosigkeit.


Du bist so winzig und unter dem Mikroskop betrachtet, eigentlich wunderschön. Und gleichzeitig bist du mächtig genug, um die ganze Welt auszuhebeln. Du bist kein Krieger, der mit Waffen spricht. Du bist ein wahrer Demokrat, denn wir sind alle betroffen, die ganze Erdkugel, rund herum. Es gibt- vor dem Hintergrund der rasanten Ausbreitung- kein wirtschaftliches, kein politisches Gefälle. Es gibt keine Drahtzieher und keine heimlichen Profiteure.

Es gibt nur uns, die Menschen.


Und weißt du, wir schauen erst einmal weg, das haben wir in den letzten Jahren des Überflusses so gelernt, aber jetzt schauen wir hin. Und wir sehen zum ersten Mal wieder die Augen, das Lächeln der anderen. Jetzt sind wir irgendwie auch bereit zu teilen. Jetzt brauchen wir keine Gesetze gegen Hamstern oder so. Wir lernen von dir zu sehen, zu fühlen und zu kommunizieren. Das ist noch sehr neu für uns und jeder nimmt es anders wahr, aber wahrnehmen tun wir es alle. Hinter allem Elend liegt ein Hoffnungsschimmer auf mehr Gemeinsamkeit, wir haben uns so sehr vermisst!

Du hast das Rad angehalten. Du hast in Windeseile die Mathematik bemüht. Es wurden Zahlen geschrieben, durcheinander geteilt, miteinander multipliziert, verglichen mit alten Zahlen und immer wieder hochgerechnet auf-- Angst. Die Korrespondenten haben geredet und geredet, aber wissen tun sie wenig. Zu wenig, um 12 Stunden am Tag darüber zu reden. Irgendwie trauen wir ihnen auch nicht mehr.

Und plötzlich wollten wir Menschen keine Statistiken mehr. Wir haben erkannt, dass es schlimm steht, aber nicht hoffnungslos. Wir erkennen, dass es jetzt auf jeden Einzelnen ankommt, wir versinken nicht mehr in Bedeutungslosigkeit, nein, wir können unsere innere Kraft beisteuern. Wir können die gefragte Ordnung einhalten, weil wir erkennen, dass es auch für die anderen wichtig ist, sich jetzt mit Einschränkungen abzufinden. Wir werden wieder zu Beschützern.


Du beschäftigst die Medien, die sich freuen, denn Zahlen sind noch billiger zu produzieren als Rate-Shows. Du hast die Konzerne, die Unternehmen, die Regierungen gezwungen, den Stock in die Speichen eines überdrehenden Rades zu stecken. Du hast uns die Atempause verschafft, die wir brauchen- schon sehr, sehr lange brauchen. Viele von uns haben es gewusst: so kann das nicht weitergehen. Wir haben mit schweren Herzen die Wale mit Mägen voller Plastikmüll gesehen, aber wir haben uns so machtlos gefühlt. Ein Einzelner kann das Rad nicht anhalten.

Aber du, du kannst es.


Du lässt uns die Hoffnung, dass wir diese Krise bewältigen werden. Wir werden vernünftig gelenkt und informiert. Ja, es wird enorme wirtschaftliche Schäden geben, überall auf der Welt, aber wir werden auch das bewältigen! Und wir werden diese Herausforderungen vielleicht viel leichter bewältigen als gedacht, wenn wir es gemeinsam tun.

In der nahen Vergangenheit haben wir unserer schlechtes Grundgefühl durch Resignation zum Ausdruck gebracht, "kann man eh ich nichts machen!" oder "ist halt so!" Wir haben vor unserer selbsterschaffenen Maschinerie kapituliert und viel negativ gedacht. Wir erinnern uns erst jetzt wieder, dass Gedanken zu Taten werden. Wir wollen vorsichtiger sein. Denn jetzt müssen wir uns die Sicherheit verschaffen, dass wir danach die Dinge anders und besser machen werden.

Die Hoffnung richtet sich nicht nur auf deine baldige Beseitigung, sondern auch darauf, dass das Rad lange genug stillsteht, damit wir alle in Tiefe erfassen können, dass gerade eine neue Zeit eingeläutet wurde.


Wir haben plötzlich Zeit. Vor dem Hintergrund dieser Hoffnung ist die Entschleunigung ist so wohltuend wie ein Urlaub. Wir haben JETZT die Möglichkeit uns zu besinnen. Wir dürfen uns die Fragen stellen, die im Alltag sonst nur an uns vorbeigezischt sind. Es sind grundsätzliche Fragen.

Das war noch vor Kurzem einfach unvorstellbar! Jetzt ist es Realität. Ich hoffe, dass wir sie nutzen werden. Zu den vielen Fragen, mit denen du uns konfrontierst, gehört auch diese hier:


Welche Werte sind uns eigentlich wichtig? Wir haben plötzlich eine Öffnung, um ernsthaft darüber nachzudenken. Wir können JETZT unsere Positionslichter neu justieren. Lasst es uns versuchen


Du hast uns auf unsere Eigenverantwortung aufmerksam gemacht. Wir haben uns in der jüngsten Vergangenheit benommen wie Kleinkinder. Wir wollten einfach alles haben und wir wollten, dass es uns in mundgerechten Portionen dargereicht würde. Wir haben uns selbst entmündigt und immer mehr dem Staat und seinen Organen übertragen. Wir wollten eigentlich nur noch- wie kleine Vögelchen- die Schnäbel aufmachen.

Jetzt ist plötzlich eine Zeit gekommen, in der wir die Verantwortung wieder übernehmen müssen! Und zwar nicht nur für uns selbst, sondern für die Neuordnung einer menschlichen Gemeinschaft. Meckern hilft uns jetzt nicht, das wissen wir. Wir brauchen vielleicht einen Moment, um diese lästige Angewohnheit abzuwerfen. Aber wie vieles andere, werden wir auch das schaffen. (Mir ist aufgefallen, dass die Menschen in den letzten Tagen netter zueinander sind).


Du hast uns schlagartig darauf aufmerksam gemacht, wie sensibel unser Weltgefüge ist. Du hast uns sehen lassen, dass wir für Hygiene, für respektvollen Umgang mit uns selbst, mit unseren Mitmenschen, aber auch mit Lebensmitteln und unseren Ressourcen eigenverantwortlich sind. Veränderung ist jetzt nicht mehr nur eine Möglichkeit sondern eine Notwendigkeit. Wir haben als erste Schreckreaktion gehamstert, Unsinn gekauft und versucht, mehr zu ergattern, als andere.

Jetzt hat sich unser Schaurahmen vergrößert.

Wir sehen voller Mitgefühl nach Italien. Wir haben in der Vergangenheit unsere Kreativität dahingehend verschwendet, unsere Unterschiede herauszumeisseln. Größer, besser, mehr. Mir.

Du zeigst uns jetzt, dass das nicht der richtige Weg sein kann. Die Problem, vor denen wir stehen, sind zu einem Weltproblem zusammengeschmolzen. Darin liegt unsere Chance.


Du hast uns gezeigt, wie eng wir alle miteinander verbunden sind. Hinter jedem nationalen Pass steht ein Mensch. Wie kann es sein, dass wir uns nur aufgrund dieses einen Dokuments feindlich gegenüberstehen? Besonders wir Europäer mussten erleben, wie wertvoll der grenzenlose Übergang zwischen unseren Ländern war. Jetzt, wo die Grenzen plötzlich geschlossen sind - erkennen wir ihren Wert. Jetzt, wo viele von uns zuhause bleiben müssen, erkennen wir den Wert der Freiheit. Aber sie ist weder selbstverständlich noch umsonst.

Ich bin froh, dass wir nicht durch einen Krieg lernen mussten, das zu verstehen. Deine Auswirkungen sind grenzenlos und sehr schwerwiegend, das ja. Aber wir werden sie eindämmen können und wir werden anders denken lernen.


Die Macht der Worte. Du hast uns darauf aufmerksam gemacht, welche Macht unsere Worte jetzt haben. In diesen Zeiten werden wir alle zu kleinen Radiostationen. Unsere Worte, unsere (häufig ungefilterten, übernommenen) Meinungen verbreiten sich so schnell, wie du selbst. Fake news, schwarzmalerische Prognosen, Weltuntergangsstimmung verbreiten sich wie Lauffeuer. Du lehrst uns, dass jedes Gerücht, jeder Zukunftsangst bei uns selbst enden könnte.

Wir haben die Wahl, welche Zukunftssicht wir jetzt verstärken. Jedes Wort, jede Geste, jedes Geben ist ein Neuanfang.

Wooow, wer hätte das gedacht.


Die Welt ist plötzlich ein schöner Ort. Es brennt nirgends. Es gibt keine Katastrophen. Keine Kriege. Keine Neo Nazis. (Offensichtlich hat man für Trump einen Kindergartenplatz gefunden). Nach der ersten verständlichen Aufregung wird es plötzlich seltsam ruhig. Kaum Autos, Tiere kehren zurück. Klimagrafiken zeigen sofort Resultate: von tiefrot-schlecht auf sattblau-gut.

Wir erblicken unser eigenes Verhalten im Spiegel einer größeren Wahrheit. Wir schauen uns darin an und fühlen! Fühlt sich das, was ich getan, gedacht und gesagt habe wirklich gut an?


Ich bin sicher, dass du dich bald zurückziehen wirst und ich hoffe, dass es nicht umsonst gewesen sein wird. Ich hoffe, dass wir eine neue Welt leben können.


Liebes Corona,


Wir sind die menschliche Rasse.

Wir können und werden unseren Lebensraum schützen.

Wir können uns bescheiden und Rücksicht aufeinander nehmen.

Wir können in Frieden miteinander leben und für Gerechtigkeit sorgen.

Wir haben das Potenzial, Weltenbürger zu sein.

Für diese Erkenntnisse danken wir dir.

Wir danken allen, die sich auf wissenschaftlicher, politischer,

wirtschaftlicher, medizinischer und versorgender Ebene

unendlich anstrengen.

Es ist nicht umsonst.

Wir danken euch!!!


Ich danke euch, dass ihr mir durch diesen Brief gefolgt seid.

Ich möchte zum Abschluss noch einmal sagen, dass Corona eine gesellschaftliche Chance sein kann, dass es aber auch ein reales, erschreckendes Gesundheitsrisiko ist.

Bitte seid nicht leichtfertig. Befolgt die Anweisungen, die man uns dazu aufbereitet.


Den vielen Menschen, die Opfer dieser Epidemie zu beklagen haben, möchte ich mein aufrichtiges Beileid aussprechen. Das ist tragisch und sehr schmerzhaft. Es kam aus dem Nichts und wir konnten nichts tun, um es abzuwenden. Wenn ich hier über positive Auswirkungen spreche, dann ist es die Sinnsuche im Ausnahmezustand.


Bleibt gesund!


Herzliche Grüße


Birgit



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