MEIN BRIEF AN CORONA

Aktualisiert: 15. Juli 2021



Ich bin nicht selber auf die Idee gekommen, einen Brief an Corona zu schreiben. Leider.

Mir hat gestern eine Freundin aus Kalifornien einen love letter to Corona weitergeleitet.


Komisch, dass er zu mir durchgedrungen ist, denn ich habe mich in den letzten Tagen massiv gegen Corona Witze, Sprüche, gegen pillepalle Videos und aggressive Meinungen gewehrt. Aber dieser Brief hat mich irgendwie nicht mehr losgelassen und ich verarbeite ihn hier auf meine Weise. Ich danke dem anonymem Ursprungsautor und wünsche mir, dass er mich irgendwie hört.


In Anbetracht der Schwere der Epidemie distanziere ich mich- mit größtem Mitgefühl mit den Opfern und ihren Angehörigen- von dem Begriff love letter und schreibe dem Virus stattdessen einen normalen Brief. Dieser Brief kann uns vielleicht helfen, die vielen chaotischen Dinge, die uns gerade überrollen, mit größerer Distanz zu betrachten und die Möglichkeit zu erkennen, dass in einer so heftigen Bewegung auch etwas Gutes stecken muss. Das Gute darin zu finden und mit euch zu teilen-- das ist mein Herzenswunsch und der Inhalt dieses Briefes.



Lieber Corona (ist er männlich?), liebes Corona,

Während die Welt vor Schreck wie versteinert ist, und chaotisch darauf reagiert, was du uns möglicherweise noch alles bringen könntest, möchte ich dir sagen, dass wir auch die positiven Aspekte wahrnehmen. Wir sind im Moment noch überwältigt von der Heftigkeit, von der Plötzlichkeit und von unserer eigenen Machtlosigkeit.


Du bist so winzig und unter dem Mikroskop betrachtet, eigentlich wunderschön. Und gleichzeitig bist du mächtig genug, um die ganze Welt auszuhebeln. Du bist kein Krieger, der mit Waffen spricht. Du bist ein wahrer Demokrat, denn wir sind alle betroffen, die ganze Erdkugel, rund herum. Es gibt- vor dem Hintergrund der rasanten Ausbreitung- kein wirtschaftliches, kein politisches Gefälle. Es gibt keine Drahtzieher und keine heimlichen Profiteure.

Es gibt nur uns, die Menschen.


Und weißt du, wir schauen erst einmal weg, das haben wir in den letzten Jahren des Überflusses so gelernt, aber jetzt schauen wir hin. Und wir sehen zum ersten Mal wieder die Augen, das Lächeln der anderen. Jetzt sind wir irgendwie auch bereit zu teilen. Jetzt brauchen wir keine Gesetze gegen Hamstern oder so. Wir lernen von dir zu sehen, zu fühlen und zu kommunizieren. Das ist noch sehr neu für uns und jeder nimmt es anders wahr, aber wahrnehmen tun wir es alle. Hinter allem Elend liegt ein Hoffnungsschimmer auf mehr Gemeinsamkeit, wir haben uns so sehr vermisst!

Du hast das Rad angehalten. Du hast in Windeseile die Mathematik bemüht. Es wurden Zahlen geschrieben, durcheinander geteilt, miteinander multipliziert, verglichen mit alten Zahlen und immer wieder hochgerechnet auf-- Angst. Die Korrespondenten haben geredet und geredet, aber wissen tun sie wenig. Zu wenig, um 12 Stunden am Tag darüber zu reden. Irgendwie trauen wir ihnen auch nicht mehr.

Und plötzlich wollten wir Menschen keine Statistiken mehr. Wir haben erkannt, dass es schlimm steht, aber nicht hoffnungslos. Wir erkennen, dass es jetzt auf jeden Einzelnen ankommt, wir versinken nicht mehr in Bedeutungslosigkeit, nein, wir können unsere innere Kraft beisteuern. Wir können die gefragte Ordnung einhalten, weil wir erkennen, dass es auch für die anderen wichtig ist, sich jetzt mit Einschränkungen abzufinden. Wir werden wieder zu Beschützern.


Du beschäftigst die Medien, die sich freuen, denn Zahlen sind noch billiger zu produzieren als Rate-Shows. Du hast die Konzerne, die Unternehmen, die Regierungen gezwungen, den Stock in die Speichen eines überdrehenden Rades zu stecken. Du hast uns die Atempause verschafft, die wir brauchen- schon sehr, sehr lange brauchen. Viele von uns haben es gewusst: so kann das nicht weitergehen. Wir haben mit schweren Herzen die Wale mit Mägen voller Plastikmüll gesehen, aber wir haben uns so machtlos gefühlt. Ein Einzelner kann das Rad nicht anhalten.

Aber du, du kannst es.


Du lässt uns die Hoffnung, dass wir diese Krise bewältigen werden. Wir werden vernünftig gelenkt und informiert. Ja, es wird enorme wirtschaftliche Schäden geben, überall auf der Welt, aber wir werden auch das bewältigen! Und wir werden diese Herausforderungen vielleicht viel leichter bewältigen als gedacht, wenn wir es gemeinsam tun.

In der nahen Vergangenheit haben wir unserer schlechtes Grundgefühl durch Resignation zum Ausdruck gebracht, "kann man eh ich nichts machen!" oder "ist halt so!" Wir haben vor unserer selbsterschaffenen Maschinerie kapituliert und viel negativ gedacht. Wir erinnern uns erst jetzt wieder, dass Gedanken zu Taten werden. Wir wollen vorsichtiger sein. Denn jetzt müssen wir uns die Sicherheit verschaffen, dass wir danach die Dinge anders und besser machen werden.

Die Hoffnung richtet sich nicht nur auf deine baldige Beseitigung, sondern auch darauf, dass das Rad lange genug stillsteht, damit wir alle in Tiefe erfassen können, dass gerade eine neue Zeit eingeläutet wurde.


Wir haben plötzlich Zeit. Vor dem Hintergrund dieser Hoffnung ist di