SKANDAL IM BAUM


Liebe Blogfreunde,


Ich werde des öfteren gefragt, "wann schreibst du mal wieder einen "Gorilla" Blogbeitrag?" Ganz ehrlich, dieser Gorilla hat´s in sich. Ich habe anfangs nur ein witziges Erlebnis beschreiben wollen, nämlich wie ich ihn kennengelernt habe (zum Blogbeitrag), aber er wollte mehr. So wurde aus einem Spontan-blogbeitrag eine Kolumne...


Und hier ist er wieder, der Gorilla. Wer ihn noch nicht kennt: Vorsicht! Er sagt, was er denkt!


Manchmal wird er unruhig. Da treibt es ihn wieder hoch in die Bäume.

Weihnachten – ist ja noch nicht so lange her, kann man ja noch erwähnen an Vorfrühlingstagen) – Weihnachten war es ganz schlimm. Ich hatte einen so schönen Weihnachtsbaum, groß und kerzengerade. Mit Zeltleinen sturmfest gemacht. Mit Lichterketten und Regenbogen-Lametta. Das Herz des winterlichen Gartens. Da stand er plötzlich hinter mir und konnte es nicht fassen. Wozu das Ding gut sei, wollte er wissen. Nichts zum Klettern, nicht zu futtern, nichts zu jagen. Ich versuchte ihm zu erklären, dass es lediglich ein Symbol sei, aber eben ein schönes. Er kann in solchen Momenten so verächtlich mit der Zunge schnalzen. Nttkk, ntttk.

Wenn etwas meine Freude an dem Baum getrübt hat, dann war er es.


Vor ein paar Tagen, jetzt wo die Vögel außer Rand und Band sind, zog er wieder mal los. Er verabschiedete sich mit den Worten, dass er jetzt mal die "home base" checken würde, und da sah ich ihn schon durch die Birken schwingen. Solche Tage sind beunruhigend, weil ich weiß, dass er etwas sucht, aber nie findet und dabei immer Unsinn anrichtet. (Wie die meisten von uns).


Abends kam er aufgeregt nach hause. "Skandal im Baum" schrie er wütend, "Skandal!" Er hatte sich mit den Eichhörnchen zum Monopoly spielen getroffen und war außer sich. Dann wurde er ganz still und dann weiß ich schon, ... Alarm!


"Kennst du den Unterschied zwischen schwarzen und roten Eichhörnchen?" Ich zucke mit den Achseln, nein. Da schlägt er mit seiner niedlichen Lederhand auf den Tisch und brüllt, "ja, wer kennt den denn? Einer muss ihn doch kennen!" Ich bin erleichtert, wenn es weiter nichts ist. "Google doch", schlage ich ihm vor. Und dann sieht er mich mit diesem Blick an und berichtet.


Die Schwarzen sind sauer. Die Roten infolgedessen auch. Wollten beide nicht mit ihm spielen. "Was hast du denn bloß wieder angestellt?" Ich bereue die Frage in dem Moment, wo er den Blick hebt. In diesen Augen schwimmen die Universen.

Er tänzelt durch den Raum. Wir machen diese Übung manchmal im Tai Chi zur Auflockerung, aber er – ich glaube nicht, dass er sich gerade auflockert. Er schwingt sich ein, schaukelt sich hoch. Dabei flüstert er unheilvoll: "Diskriminierung!"


Ich lerne: Die Menschen hier füttern die Tiere. Ob das gut oder schlecht ist, lassen wir mal dahingestellt. Jedenfalls gibt es Futterbretter für alle möglichen Vogelarten und auch welche für Eichhörnchen. Und jetzt kommt´s. Es werden nur die Roten gefüttert. Die Schwarzen werden brutal "weggeklatscht", verscheucht, vertrieben!

"Warum?", frage ich. "Weil-sie-nicht-heimisch-sind.", faucht der Gorilla. Ich muss schnell nachdenken, "wie, nicht heimisch...?"

"Die sind nicht von hier!"

Ich möchte am liebsten losprusten, aber wenn ich ihn so sehe, bin ich lieber ruhig. Volle Deckung.


Er setzt sich, fingert an meiner Kaffeetasse herum. Wenn er den jetzt trinkt, werde ich sauer, Diskriminierung hin, Diskriminierung her. Tut er aber nicht. Kaffee kann er noch weniger nachvollziehen, als den Lamettabaum. "Irgendjemand hat in die Welt gesetzt, dass die schwarzen Eichhörnchen nicht von hier seien und den Unsrigen das Futter wegfressen." Mir fällt dazu ganz viel ein, aber Vorsicht, Glatteis!

"...Und ist das so?" "Neiiin!" meine Tasse hüpft, als er zur außerordentlichen Betonung des ohnehin überlauten Neins auf die Tischplatte klopft. "Erklär´s mir bitte...", flehe ich.

Das besänftigt ihn.

Er sagt, dass sie alle derselben Gattung sind, es gäbe sie halt in verschiedenen Farben, "ist das denn so schwer zu verstehen?!!" Nein, so weit noch nicht. "Wieso also kriegen die Schwarzen nix?" Wer setzt hier Gerüchte in die Welt?" brüllt er.

Ich frage mich, "wer folgt solchen Gerüchten," deutlich leiser.


Er sieht mich an. "Da war doch alles in bester Ordnung, wir hatten Zeit zu spielen, im Baum war gute Stimmung und dann kommt irgendwer und setzt so einen Quatsch in die Welt und – aus! Vorbei! Angst! Alle haben Angst, auch die Roten, obwohl die ja futtern dürfen."

"Du meinst, die Welt kann sich täglich ändern! Auch für die Roten?"

"So was in der Art!" knurrt er.

"Hast du nachgeguckt?"

Er wippt wieder, er fühlt sich gar nicht wohl bei der Antwort, "ja! Hier gibt´s eh nur die mit Pinselohren und die sind alle gleichwertig."

"verstehe, und gibt´s noch andere?"

"Hmm, aber die sind größer, haben keine Pinselohren, kommen hier nicht vor."

Er schaut mir in die Augen, "also Diskriminierung, oder?"

Vielleicht schon, gebe ich zu.


"Noch vor zwei Wochen konnten wir ungehindert spielen. Schloßallee gegen Badstraße. Ich versteh es nicht!"

Ich versuche ihm zu helfen, "die Menschen neigen zum "Wir", verstehst du, sie teilen sich und alles andere in kleine Gruppen ein und dann ermächtigen sie sich, zu entscheiden, wer dazugehört, unter welche Bedingungen, wie lange und vor allem: ab wann nicht mehr."

Er nickt.

"Der Witz ist, das die Entscheider genau so windanfällig sind, wie die Beurteilten. "Wir" ist keine besinnliche Kategorie, mein Lieber."

Er denkt länger nach.


"Und was soll ich jetzt machen?"

"Füttern!" sage ich lakonisch.

"Die Schwarzen?" er reißt die Augen auf.

"Alle!"

"..das war´s? Kein öffentlicher Aushang? Kein Protest?" er grient, "ich meine, wir könnte ja die Nicht-Schwarz-Fütterer bewerfen- von da oben, das macht bestimmt richtig Spaß!"

Er deutet meinen Blick richtig, "okay, also füttern, mehr nicht?"

"Nein, mehr nicht. Es endet sozusagen bei dir!"

Das ist auf fruchtbaren Boden gefallen. Er strahlt.


Nach einiger Zeit kommt mit meiner eingeschweißten Einkilo Packung Erdnüsse zurück. Anfängliche Corona Notration.

"Kann weg," lache ich, "kann echt weg!"

Wir füllen die Erdnüsse um und schon ist er auf und davon.


Ich kann es nicht hören, aber ich weiß: in den Birken wird geschmatzt!


Liebe Grüße



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Birgit













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