Umgang mit dem Tod

Aktualisiert: Mai 24


Wenn Du- wie ich - gerade in der Situation bist, dass ein geliebter Mensch sich auf den Weg gemacht hat- wird es dir schmerzlich klar werden: wir haben den Umgang mit dem Tod nicht gelernt.

Ich nehme dich in den Arm und streichele über deinen Kopf. Ich versichere dir, dass alles gut ist, so wie es ist. Denn nicht wir Menschen entscheiden, wann wir nach Hause gehen, sondern unsere unsterblichen Seelen. Lassen wir den geliebten Menschen in Frieden gehen.

Denke für einen Moment nicht an dich. Mache dir keine Gedanken darüber, was du jetzt alles  erledigen musst, denn das wird sicherlich viel sein. Aber du wirst Hilfe bekommen und alles wird zum rechten Zeitpunkt geschehen. Wie so oft.

Denke stattdessen  darüber nach, wo sich der geliebte Mensch befindet. Wohin geht er? Auch hier sind wir nicht vorbereitet. Die alten Kulturen hatten eine genaue Vorstellung davon, wohin eine Seele reist, und wie. Eine nüchterne, wissenschaftlich ausgerichtete Kultur hat darauf keine Antwort. Und doch gibt es eine Antwort.

Die Kraniche von Gibbons.

Vor einem Jahr ist mein "kleiner Bruder" gestorben. Ganz plötzlich. Ich war gerade in Nebraska und habe dort gedreht. In einer unruhigen Nacht bin aufgewacht und habe Geräusche gehört, die ich noch nie gehört hatte. Ich bin aufgestanden und habe aus dem Fenster gesehen. Der graublaue Morgenhimmel zog sich zu. Eine Art schwarze Gardine verdeckte das junge Blau. Kraniche! Weißgänse!

Je näher sie kamen, um so lauter wurden ihre Schreie. Je näher sie kamen, um so klarer konnte ich ihre schöne Ordnung ausmachen, ihr feinfühliges Miteinander in perfekten Vs. Sie flogen übereinander, untereinander, nebeneinander.  In diesem Moment klingelte das Telefon. Die Klinik. 

In mir entstand plötzlich eine innere Klarheit: Sie sind gekommen, um seine Seele abzuholen. Er wird mit ihnen fliegen, irgendwohin, in unendlicher Schönheit. Er st geborgen und in gewisser Hinsicht frei: Einfach frei! Sein Körper war krank gewesen.

Am nächsten Morgen war die Landschaft "weiß". Wie grober Schnee. Aber es war kein Wetter, es waren die Seelenvögel, die sich eng aneinander drängten, die sich voranschoben, um gemeinsam die Kraft für den Start zum Weiterflug zu finden.

Und wenn man sie aufsteigen sieht, dann lindert das den Schmerz, weil man versteht, das in diesem  Aufbruch eine unendliche Schönheit liegt. 

Der Prozess.

Auf dieser Ebene erfordert es viel Kraft. Man wird mit behördlichen Kram bombadiert, Mitgliedschaften und Abos sind zu kündigen, man weiß gar nicht, was zuerst zu tun ist. Ich war in einem Zustand von Trance. Ich habe Dinge irgendwie abgearbeitet, ich erinnere mich gar nicht mehr wie, . Die meisten von uns trifft dieser Moment unvorbereitet. Wir haben über den Tod nie nachgedacht. Nicht über den eines geliebten Menschen und nicht über unseren eigenen. Vielleicht ist jetzt der Moment? Es dauert nicht lange und hält ewig...

Spüre nach.

Ich halte dich an, genau jetzt, in diesem Moment innezuhalten und einfach mal zu spüren. Viele Kulturen, auch unsere westliche, lehren, dass die befreite Seele für eine Zeit lang in der Nähe der Erde bleiben wird, um sich zu verabschieden, um noch einmal zurückzublicken, wie schön das Leben auf diesem Planeten gewesen ist. Und was geschieht? Sie sieht nur weinende Menschen, verwirrte Menschen, verzweifelte Menschen. Sie winkt, sie ruft, und fleht uns an mit ihr zu lachen; doch wir spüren meistens nichts.

Spüre nach. 

Nimm dir deinen Moment mit der geliebten Seele und bedanke dich für alles was sein durfte. Lache mit ihr über vergangene Kabbeleien, verzeihe ihr für kleine Missverständnisse, danke ihr für ihr Dagewesensein, für den Weg, den ihr gemeinsam gegangen seid. Spüre ihre Anwesenheit und versuche zu klären, was unausgesprochen geblieben ist. Sage es einfach jetzt! 

Später.

Als wir irgendwann in der Kapelle waren und ich eine Geschichte vom Autor unseres Märchenbuches vorlas, sah ich den Blick meiner Tochter zur Tür wandern. Nichts. Dort war nichts. Hin und her gerissen zwischen Konzentration vor der Gemeinde und tiefer Neugier habe ich diesen Moment nicht vergessen. Mir war so...

Später sagte meine Tochter ganz nebenbei, "er hat sich gefreut Mama, er hat zugehört und gelächelt."

Ich habe es nicht sehen, aber glauben können.

Das Loch.

Als alles vorbei war,  bin ich- endlich- ein Loch gefallen. Wie in "Alice im Wunderland" rutschte die Welt an mir vorbei und ich fiel hinab ins Kaninchenloch. Aber selbst dieser Sturz birgt den Neuanfang in sich. Wir verlassen eine mögliche Welt und wir werden ganz sicher eine andere finden. Sie wird natürlich anders sein, sie wird uns vor neue Herausforderungen stellen. Wir müssen unsere innere Kompassnadel neu ausrichten. Aber wir sind mit der Kraft ausgestattet, das zu schaffen. Man sagt, die Zeit heile alle Wunden, In Momenten wie diesen, kann einen das fast wütend machen! Mit etwas Abstand betrachtet, finden wir in diesem Satz viel Ruhe. Wir erinnern uns an das Gute und schöpfen Kraft daraus. Wir erinnern uns vielleicht auch Unangenehmes, aber wir sind in der Lage es hinter uns zu lassen. Es ist jetzt  einfach nicht mehr wichtig. 

Der silberne Kranz um die Regenwolke

"Jede dunkle Wolke hat einen silbernen Kranz", sagt ein indianisches Sprichwort. Das ist die Sonne, die sich dahinter zeigen will. Das ist die Kraft in uns, die es uns ermöglicht, wieder ins Leben zurückzukehren. Es ist die Vorfreude auf die Wiederkehr des inneren Friedens, dem wir entgegen sehen. 

Goodbye, my love

ich winke dir zu, geliebte Seele. Schaue freundlich auf mich herab und lass mich wissen- irgendwie- wie es dir geht. 

Goodbye, my love!

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