"Wir öffnen Kasse 2 für Sie..."

Aktualisiert: Apr 26


MEIN GORILLA WILL DAS NICHT

Ich stehe gut. Ganz hinten. Ich bin mir nicht sicher, ob wir zu Kasse 3 oder 4 vorrobben. Ich muss also noch nichts entscheiden, das ist immer gut.


Ich drehe mich um, schaue in den Kaltlicht-Bauch eines Supermarkts. Hier ist auf jeden Fall niemand zuständig für die psychischen Aspekte von Licht. Unwohlsein-einflößen ist offensichtlich gewollt. "Schnell raus mit euch".

Achja!


Ich erzähle, dass ich in meine nächste Kolumne aus "Mein Gorilla will das nicht" diesem Thema widmen werde. Schallendes Gelächter. Dabei habe ich noch nichts geschrieben. Der Lachreiz sitzt ganz oben, noch über´m Herz. So gut kennen wir das alle.


Auf jeden Fall habe ich sie zuerst gesehen. Hellblaue Bügelbluse, kräftiger Schritt, so ein bisschen wie aus "Spiel mir das Lied vom Tod". Entschlossen, leichte Zeitlupe, der Blick ins höhere Nichts.


Mir fährt der Schreck in die Glieder. Ja, es passiert immer wieder, aber gerade jetzt war ich nicht darauf gefasst. Ich war so schön in meiner eigenen Welt. Einkaufsliste abgehakt, das Dreifache dazugekauft, die Entscheidung, dass ich keine Plastiktüte kaufe, gefällt, die Mühe, dass ich deshalb meinen Kofferraum umräumen muss, hingenommen, Frieden geschlossen mit dem Gedanken, dass ich die Hälfte von allem nicht wirklich brauche, die Furcht, dass viel im Müll landen wird, erfolgreich verdrängt. Meine schöne Welt!


Ola! Sie steht jetzt unmittelbar hinter mir. Headphone sitzt. Handschuhe glatt gezogen. Ich lächele sie an, weil mir nicht klar ist, ob ich sie vorbeilassen muss, könnte oder sollte. Ich habe wieder geträumt. Sie guckt mich direkt an, "was willst du denn von mir..," oder vielleicht tue ich ihr unrecht und es war nur, "wir sind gleich für Sie da!" Jesses!


Da ertönt- dingdong- der Schlachtruf. "Wir öffnen Kasse 2 für Sie..."


Jetzt sind Präzision und Schnelligkeit gefragt. Ja, nein und Wille und Kraft und Rücksichtslosigkeit. Auch die Fähigkeit, alle anderen auszublenden ist von Vorteil und in dem meisten Fällen extreeeem gut geschult. Ich wundere mich schon wieder, wo lernt man sowas? Wo lernen alle dasselbe? Das wird ja oft versucht und klappt fast nie.


Ich meine, da fährt man durch eine Baustelle, schon 18 Kilometer pro Stunde über Geschwindigkeitsvorgabe und der hinter einem fährt so nah auf, dass man nicht mal lesen kann, ob er aus Viersen ist. Das wäre (für mich hier, regional gesehen) wichtig für Einschätzung der tatsächlichen Gefahr. Ich gebe es offen zu, wenn ich einen mit VIE hinter mir habe, fahre ich rechts rüber.


Also, die Hellblaubluse hat die Sicherheitsschleuse hinter sich zugeklappt, sitzt bereits an der Laserkanone. Ihr kennt das, oder? Jetzt kommt die schnelle Welle. Von rechts, von links, von hinten.

Ich bin an Kasse 3 plötzlich die Erste, habe nicht mal aufs Band aufgelegt.

Man waaaartet auf mich!

Alle anderen sind losgejagt. Kasse 2.


Es scheint, als ob alle Hirne auf "wir öffnen Kasse 2 für Sie..." gleichermaßen konditioniert sind. Egal wieviel Buchwerk drin steckt, egal ob Mutter mit Kleinkind, egal, ob altersweise, egal ob 5 sprachig oder unsprachig. Alles stürmt los! Die Gattung ist bereit sich auszurotten. Erste Verletzungsschreie gehen noch unter, war ja nur die Achillesferse, getroffen mit dem Gewicht mehrerer Limokästen in vollem Schwung. Ein bisschen Schwund ist immer.


Mich reitet der Teufel. Ich stelle mir jetzt vor, "wir öffnen Kasse 5 für Sie!" Das müsste man eigentlich auf dem Smartphone haben, volle Lotte:

Alle würden sie losrennen.

Raus. Parkplatz.

Es gibt nämlich keine 5.


Noch schlimmer ist ja der Bezahlkasten in der Straßenbahn. Ich meine, da will man international sein, veranstaltet von Tour de France bis Skilanglauf alles, damit sie kommen und dann das!

Das Wabensystem. Erklär das mal einem Besucher aus Brüssel. Obwohl nein, die verstehen das wahrscheinlich noch am besten, die arbeiten ja fast alle bei der EU. Trotzdem. K mit Kind, K ohne Kind, A mit Kind, A ohne Kind, oder nur Kind. Das gleiche für Hund. Und Fahrrad. Aber nur außerhalb der Stoßzeiten. So ähnlich ist das.


Verständlich, dass sich da eine Schlange bildet. Aber das ist eine andere Art von Schlange. Alle stehen Bauch an Bauch, denn hier muss man sich die Frage der persönlichen Sicherheit stellen: wenn es auf die Haltestelle zugeht, greift die Schwerkraft. Da beißt die Maus keinen Faden ab. Hier ist es auch so, dass es ein gewisses Lernbedürfnis gibt. Alle starren auf den, der gerade mit dem Karteneinschub, dem Geldscheinschlucker und mit dem Kleingeldschlitz kämpft. Hat er den Fehler gemacht, mit einem Schein zu zahlen und öffnet dann die flackernde Lade, die sagt" hey, mach hinne, nimm deine Fahrschein raus!" dann kann er was erleben. Kaum ist die Klappe auf, schießt das Kleinst-Geld nach, sechszehn Euro fünfzig in 50 Cent Stücken! Wie Tauben im Park pickt dann die ganze Schlange Münzen auf. Man könnte also sagen, man ist hier wesentlich höflicher.


An Kasse 2 hat sich mittlerweile herauskristallisiert, wer sich fürs Rennen qualifiziert hat und wer nicht. Es ist eine gewisse Ruhe eingetreten, auch wenn einige maulen. Sie sagen tatsächlich so blöde Sachen wie "wozu soll das gut sein", "davon geht´s auch nicht schneller!" oder "die Dame wäre aber vor Ihnen dran gewesen!" oder "immer dasselbe!" Das ist allerdings gefährlich, weil da kann es passieren, dass die Schnellen sich zusammentun. "Was wollen Sie denn von mir?" oder "wattwillzdudenn?"


Deshalb bleibe ich ja immer da, wo ich schon war. Und weil ich mich schon wieder mit unnützem Zeugs wie internationalem Straßenbahnfahren beschäftigt habe, bin ich ins Hintertreffen gekommen. Kasse 3 ist besonders gut an der Laserkanone. Ich habe meinen Wagen noch nicht in Pole Position gebracht und sie türmt stoisch alles vor sich auf. Ratzfatz.


Da reitet mich schon wieder das Supermarktteufelchen. Ich tue nichts. Ich glotze, wie sie blitzschnell die Stapelordnung entscheidet. Die Warenwand wächst auf allerkleinstem Raum, uahhh, passt da wirklich alles hin?

"Würden Sie bitte mal Ihre Tasche anheben?" Die Qualifizierung zum Ladendieb haben wir alle. Die Verlierer von Kasse 2 stehen jetzt dicht hinter mir und durchbohren mich mit Blicken. Sowieso schon sauer. Einer tritt aus der Reihe, reißt mir den Wagen aus der Hand und fängt an, mir mit eisigen Blicken vorzuführen wie´s geht, "so du machen!" Deutsch für Anfänger. Nee, nee, gesagt hat er das nicht, das ist wieder nur mein Kopf.


Ich lächele ihn an, Masterplan: "Wir öffnen Kasse 1 für Sie!" Ganz links außen. "Lass mich bloß in Ruhe zahlen, du A--..."


Woow, die Krankheit ist ansteckend!






Machts gut. Denkt dran, es sind die kleinen Dinge im Leben, die uns erheitern!


viele Grüße

Birgit







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